Es gibt Momente, die klein aussehen und trotzdem alles verändern. Bei mir war es eine schmerzende Schulter.

Ich hatte ein Impingement-Syndrom – eine Einengung im Schultergelenk, die fast jede Bewegung zur Qual gemacht hat. Der Orthopäde riet mir zur Operation – doch ich wollte das nicht. Nicht, weil ich besonders mutig war, sondern weil etwas in mir spürte: Es muss noch einen anderen Weg geben.

Diesen Weg habe ich in der Faszienarbeit gefunden. Und was daraus wurde, hat weit mehr in mir ausgelöst als eine geheilte Schulter. Es war der Anfang davon, alte Muster loszulassen und wieder anzufangen, für mich da zu sein.

Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich: Der Körper spricht oft lange, bevor wir zuhören. Meine Schulter hat geschrien, weil ich all die leiseren Signale davor überhört hatte. Vielleicht kennst du das auch – diesen Punkt, an dem der Körper die Bremse zieht, weil du selbst es nicht getan hast.


Wie eine Schulterverletzung alles ins Rollen brachte

Ich entschied mich für eine Schmerztherapie statt für das Skalpell. Dort begegnete mir eine Art des Faszienrollens, die ich vorher nicht kannte. Sanfter als das, was ich aus dem Fitnessstudio gewohnt war – im Zeitlupentempo, nur in eine Richtung (zum Herzen hin), mit Rollen und Bällen in mittlerer statt maximaler Härte.

Der erste Unterschied, den ich gespürt habe: Es musste gar nicht wehtun, um zu wirken. Eine Stelle einmal abzurollen reichte oft schon, statt endlos auf derselben Verspannung hin- und herzurollen. Das Ziel war nicht, Widerstand zu brechen, sondern dem Gewebe zu helfen, Schlackenstoffe abzutransportieren und wieder in Fluss zu kommen.

Dazu kamen Dehn- und Kräftigungsübungen, die mein Gewebe wieder auf Länge gebracht haben, ohne auszuleiern, und meine Muskulatur gleichzeitig gestärkt haben. Nicht das eine ohne das andere – Loslassen und Stärken gehören für mich seitdem untrennbar zusammen.

Und dann kam der Teil, der im Rückblick der eigentliche Wendepunkt war: Ich blieb dran. 6 x pro Woche – 15 Minuten – für mich. Einmal in der Woche nahm ich mir frei. ;-)

Nach etwa fünf Monaten war meine Schleimbeutelentzündung in der Schulter geheilt. Die Schmerzen waren weg. Mein Impingement war verschwunden – mit gerade einmal 15 Minuten am Tag. Ich erinnere mich genau an das Gefühl in diesem Moment: ein absolutes Glück, fast ungläubig, dass so wenig so effektiv wirken kann.

Diese 15 Minuten waren dabei nie eine Last. Sie wurden schnell zu dem Teil des Tages, auf den ich mich am meisten gefreut habe – kein Pflichttermin, sondern eine kleine Insel, die mir gehörte.


Alte Muster loslassen: Der Punkt, an dem es über die Schulter hinausging

Die Schulter war nur der Anfang. Während dieser 15 Minuten täglich passierte etwas, das ich nicht eingeplant hatte: Ich merkte, wie gut es mir tut, überhaupt regelmäßig etwas nur für mich zu tun.

Ich begann, meine Ernährung umzustellen – auf pflanzlich, um die Säurebelastung im Körper zu senken, die mit für meine Schmerzen verantwortlich war. Dazu kamen hochwertige Supplements, die ich bis heute nehme. Kleine Entscheidungen, aber jede davon ein Signal an mich selbst: Deine Gesundheit ist es wert, dass du dich darum kümmerst.

Um den erreichten Zustand zu halten, startete ich als Teilnehmerin einen Faszienyoga-Kurs. Zwei bis drei Stunden pro Woche, die nur mir gehörten. Genau hier begann das eigentliche Loslassen – nicht nur von Verspannung, sondern von einem Muster, das ich jahrelang für normal gehalten hatte.

Die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen, weil es dringendere Dinge gab – den Job, die Familie, die Erwartungen. Ich spürte, wie ich Stress losließ, den ich längst nicht mehr als Stress erkannt hatte, weil er zu meinem Alltag gehörte. Und ich merkte: Verantwortung für mich selbst zu übernehmen ist kein Egoismus, sondern die Voraussetzung dafür, für andere überhaupt noch etwas geben zu können.

Kennst du das Gefühl, ständig zu funktionieren, ohne dich selbst noch zu spüren? Bei mir war die Faszienrolle der erste Riss in diesem Muster. Was danach kam, hatte mit Faszien nur noch am Rande zu tun.


Drei Fragen, die mir damals geholfen haben

Falls du gerade selbst spürst, dass sich bei dir etwas Ähnliches zeigt, nimm dir einen Moment für diese drei Fragen. Schreib die Antworten auf, ganz ohne sie zu bewerten.

  1. Wofür nimmst du dir aktuell wirklich Zeit – nur für dich, ohne Nutzen für andere?
  2. Welches Muster wiederholt sich bei dir immer wieder, wenn es um deine eigenen Bedürfnisse geht?
  3. Was würde sich verändern, wenn du dir 15 Minuten am Tag erlaubst, die nur dir gehören?

Du musst diese Fragen nicht sofort beantworten können. Es reicht, sie sich überhaupt zu stellen.


Von der Schülerin zur Trainerin

Die Frage, die mich irgendwann nicht mehr losließ, war einfach: Wenn diese Methode bei mir so viel verändert hat – warum sollte ich sie nicht auch anderen zeigen?

Also absolvierte ich die Ausbildung zur ganzheitlichen Faszienyoga-Trainerin. Dort lernte ich noch tiefer, was Bewegung, Ernährung und Achtsamkeit für Körper und Nervensystem bedeuten – Themen, die mich von Anfang an fasziniert haben, nicht als Theorie, sondern als etwas, das ich am eigenen Leib erfahren hatte.

Im Juli 2020 startete ich meine ersten eigenen Kurse, in Präsenz und online. Zuerst mit Privatkund:innen, bald darauf auch in Unternehmen und Behörden. Aus der Schülerin, die abends 15 Minuten für sich gerollt hat, wurde eine Trainerin, die anderen genau diesen ersten Schritt zeigt.

Was mich dabei bis heute am meisten berührt: Es sind selten die Übungen allein, die etwas bei meinen Kund:innen auslösen. Es ist der Moment, in dem sie merken, dass sie sich diese Zeit tatsächlich erlauben dürfen – genau wie ich damals auf meiner eigenen Matte.

Und meine eigene Reise ging weiter. Ich wollte mehr verstehen – über Psychologie, über die Zusammenhänge zwischen Körper und Geist, über das, was uns wirklich in alten Mustern festhält. Jede weitere Ausbildung und jede Weiterbildung war dabei weniger eine berufliche Station als eine weitere Antwort auf die Frage, die alles ausgelöst hatte: Wie kommen wir wieder zu uns selbst zurück?


Kein Reparieren, sondern Wiederverbinden

Was passiert eigentlich beim Faszienyoga? Für mich ist die Antwort einfach: kein Reparieren, sondern ein Wiederverbinden mit dir selbst.

Dein Körper besteht aus feinen Gewebeschichten, die alles miteinander verbinden – und in denen sich Festhalten genauso zeigt wie Loslassen, Spannung genauso wie Beweglichkeit. Genau dort setzen wir an: mit langsamen, bewussten Bewegungen und langen Dehnungen, die deinem Körper Raum geben, sich auf einer tiefen Ebene neu zu ordnen.

Weite. Leichtigkeit. Bewegung ohne Widerstand. Das sind für mich keine abstrakten Begriffe, sondern Erinnerungen, die dein Körper wiederfindet, wenn du ihm die Zeit dafür gibst. Und meistens bleibt es nicht beim Körper – auch innere Spannung beginnt sich zu lösen. Nicht, weil du dich anstrengst, sondern weil du präsent bist und sanft mit dir umgehst.

Andere Ansätze fragen: Was ist kaputt an dir? Ich frage etwas anderes: Wo hältst du gerade fest – und was würde dir helfen, loszulassen? Genau darin liegt für mich der Unterschied.


Was bleibt

Wenn ich zurückblicke, war die Schulter der Anlass. Aber das eigentliche Geschenk war etwas anderes: zu lernen, dass ich es mir erlauben darf, für mich da zu sein – nicht nur für andere.

Sechs Jahre, 2 Life-Coach-Ausbildungen und unzählige Kurse später begegnet mir dieses Muster immer wieder – bei mir selbst genauso wie bei den Menschen, die zu mir kommen. Die Details unterscheiden sich, die Grundstruktur bleibt oft gleich: Wir haben verlernt, uns selbst als genauso wichtig zu behandeln wie alle anderen.

Vielleicht stehst du gerade an einem ähnlichen Punkt. Vielleicht funktionierst du seit Jahren gut für alle um dich herum und hast dabei verlernt, auch für dich selbst wirklich wieder da zu sein. Du musst nicht gleich alles verändern. Du brauchst nur einen ersten Schritt.

Bei mir war es eine Faszienrolle und 15 Minuten am Abend. Bei dir kann es etwas ganz anderes sein – ein Spaziergang ohne Handy, fünf Minuten Stille am Morgen, ein Nein, das du dir lange nicht erlaubt hast, Zeit mit dir allein oder Journaling zur Ausrichtung deines Tages. Wichtig ist nicht das Werkzeug. Wichtig ist die Entscheidung dahinter: dass DU zählst.

Alte Muster loslassen beginnt nicht mit einer großen Entscheidung, sondern vielleicht nur mit 15 Minuten am Tag, die dir gehören.

Wage diesen ersten Schritt. Es kann sehr viel Positives ins Rollen bringen – und dich Stück für Stück wieder näher zu dir selbst bringen.